Ganz schön anstrengend, ganz schön kreativ

Stuttgart | 10.08.2017 | Anfang August lief die zweite HOLA Summer School der MFG. Im Mittelpunkt: Design Thinking
Pappmännchen im Mini-Supermarkt Das Prototyping macht im Design Thinking Ideen erfahrbar. (Bild: MFG / Bächtle)

Das Modell eines Mini-Supermarkts, gebaut aus Pappe, Alufolie, Draht und Styropor. Ein kleiner, an einem Trinkhalm befestigter Pappkamerad – Mark heißt er – demonstriert eine Einkaufstour durch den Markt. Zwei Tester beobachten interessiert: „Wir wollen hochwertige Produkte schnell im Blick haben“, sind sich die beiden einig.

Es ist der dritte Tag der HOLA Summer School und erstmals müssen die vier Teilnehmergruppen ihre Zwischenergebnisse von Testern in Augenschein nehmen lassen. Die Rückmeldungen der Tester kommen spontan. Sie wollen einiges wissen zu Bezahlmethoden, möglichen Wartezeiten und zum Sortiment. Das Team „Einkaufserlebnis“ weiß fast immer eine Antwort – und wenn nicht, dann hat es zumindest eine Idee, wie ein Problem gelöst werden könnte.

HOLA Gruppenbild Die HOLA-Teams sind bunt gemischt. (Bild: MFG)

Entscheidend ist, was Kunden oder Nutzer wollen

HOLA ist die Abkürzung für „Hochschulübergreifendes Labor für kooperatives Arbeiten“. HOLA will für Studierende, Absolventen und Dozenten einen Rahmen schaffen, um in interdisziplinären Teams zu arbeiten und neue Methoden wie Design Thinking kennenzulernen. Design Thinking ist eine Kreativmethode, die in schnellen, aufeinander aufbauenden Arbeitsrunden strukturiert ist und rasch zu Lösungsansätzen führt. Design-Thinking-Gruppen sollten möglichst interdisziplinär sein, weil dann viele unterschiedliche Erfahrungen, Sicht- und Herangehensweisen in die Lösung einfließen.
 
„Die Teilnehmer der HOLA Summer School kommen aus Design, Psychologie, Kulturwissenschaften, Energiewirtschaft, Museumswissenschaften und weiteren Fachrichtungen“, berichtet MFG-Projektteamleiterin Andrea Buchholz. Eine Woche lang geht es intensiv und unter ständigem Zeitdruck zur Sache. Beim Design Thinking tickt immer die Uhr. Das gehört zur Methode. Auch die vier Challenge-Geber gehören dazu. Sie sind Auftraggeber und stellen den Teams jeweils ein Praxisproblem vor.

Das Team „Einkaufserlebnis“ beschäftigt sich mit der Frage, wie das Handelsunternehmen Kaufland im Zuge der digitalen Transformation seinen Kunden ein Einkaufserlebnis bieten kann, das auf den Lebensraum der Kunden abgestimmt ist. „Airbnb hat keine Hotels, Netflix besitzt kein einziges Kino, uber hat keine Autos. Trotzdem zählen alle drei zu den wichtigsten Akteuren in ihrem Segment“, erklärt Shari Langes. Sie arbeitet bei der Kaufland Stiftung & Co. KG aus Neckarsulm in der IT und befasst sich unter anderem damit, wie das Geschäftsmodell von Kaufland mit IT-gestützten Smart Services verknüpft werden kann. „Technisch ist vieles machbar, aber die wichtigste Frage lautet: ‚Wie kauft der Kunde künftig ein?’“, betont die IT-Expertin. Erkenntnisse dazu erhofft sie sich vom HOLA-Team.

Workshopwand mit Post-its Workshopwand bei der HOLA Summer School (Bild: MFG)

An den Prototypen zeigt sich die Qualität einer Idee

Wer solche Fragen mit Design Thinking angeht, muss seine Ideen ständig abgleichen mit den Wünschen der potenziellen Kunden. Dabei kommen die so genannten Prototypen ins Spiel. An den gebastelten Modellen überprüfen Design Thinker die Qualität ihres Zwischenentwurfs. Das Team „Einkaufserlebnis“ hat sich zuerst in Stuttgart unter 45 Supermarktkunden umgehört, die Aussagen wurden sortiert, zusammengefasst, Anforderungen wurden formuliert. Daraus entstand der erste Prototyp.

„Wir hatten sehr viele Ideen, mussten uns für den Prototypen aber von vielen trennen“, sagt Tabea Schmid, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Schwäbisch Gmünd. Mit dem ersten Zwischenergebnis sind sie zufrieden. „Ich bin erstaunt, wie konkret unser Ergebnis beim ersten Prototypen bereits war“, erzählt Oliver Wetter, der in Mannheim im Master Psychologie studiert.

Prototyp der Matching-Maschine Prototyp der Matching-Maschine (Bild: MFG)

Wahre Werte statt Marketing-Blabla

Um Kunden geht es auch in der Challenge der Webagentur Spurenelemente aus Stuttgart. „Wir wollen unsere Akquise in Zukunft so gestalten, dass daraus langfristige, wertebasierte Kundenbeziehungen entstehen“, erklärt Andreas Bleiholder, einer der Geschäftsführer. Werte sind für Bleiholder kein Marketing-Blabla, sie sind ihm ein persönliches Anliegen. „Wir wollen bei den Werten und den Visionen ansetzen, denn daraus folgen das Warum und letzten Endes das Wie, also die operative Umsetzung in einem Projekt. In der schnelllebigen Web-Branche konnten wir das unseren Kunden bisher nicht vermitteln. Die Frage ist, wie wir deutlich machen können, dass wir aus Überzeugung handeln.“

Das „Team Kundenakquise“ der HOLA Summer School hat die Challenge von Bleiholder und seinem Partner Daniel Drexlmaier angenommen. Es befragte Geschäftsführer und Einkaufsentscheider, was ihnen wichtig ist bei einer Webagentur und in der Zusammenarbeit mit der Agentur. Daraus haben sie zwei Prototypen, eine Matching-Maschine und einen Wettbewerb für die Gratisgestaltung einer Webseite, abgeleitet und Testern vorgestellt. Die diskutieren am Tag des Tests angeregt, welcher Ansatz erfolgversprechender ist.
 

Basteln zur Kunstvermittlung Wie lässt sich Kunst unterschiedlichen Zielgruppen vermitteln? (Bild: MFG)

Die Kunst der Kunstvermittlung

Durchschnittlich etwa 140.000 Menschen kommen pro Jahr in den markanten Glaswürfel am Stuttgarter Schlossplatz, in dem das Kunstmuseum Stuttgart seine Ausstellungen und Werke präsentiert. Für das Kunstmuseum sind nicht nur Fragen nach Künstlern und Epochen konzeptionell wichtig. Ebenso bedeutend ist, wie das Museum seinen Besuchern Kunst vermittelt. „Die Anforderungen sind vielschichtig. Wie kann eine Vision der Kunstvermittlung aussehen? Wie kann man einer heterogenen Besucherschaft, die von Kitas bis zu Seniorengruppen reicht, den Zugang zur modernen und zeitgenössischen Kunst verschaffen?“, gibt Sandra Feller von der Abteilung Kunstvermittlung des Kunstmuseums einen Einblick in die Herausforderungen. In ihrer Challenge sollen neue Ideen für die Kunstvermittlung entwickelt werden.

Das „Team Museum“ machte sich zunächst daran, die Aufgabe noch einmal genau zu hinterfragen. „Wir mussten die Challenge erst nochmal für uns klar formulieren“, berichtet René Niethammer, Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der Hochschule Aalen. Von der Methode Design Thinking ist er angetan: „Es ist ein iterativer Prozess mit festgelegten Zeitlimits und einem spielerischen Charakter“, erzählt Niethammer. Sein Teamkollege Fabian Lehnhoff, Masterstudent in Digital Humanities an der Universität Stuttgart, fügt hinzu: „Und es ist ein sehr intensives Arbeiten. Das Spielerische dabei nimmt einem die Angst vor dem Scheitern.“ Scheitern gehört beim Design Thinking übrigens ausdrücklich dazu – aber es sollte möglichst früh erfolgen.

Innenhof des Hospitalhofs Das Team „Erlebnis Ehrenamt“ beim Austausch im Hospitalhof (Bild: MFG)

Langfristig engagiert im Ehrenamt

Adrian Becker arbeitet für die Behinderten-Förderung-Linsenhofen e.V. Der Verein betreut im Landkreis Esslingen Werkstätten und Heimplätze für aktuell 230 Menschen mit Behinderung. „Bei uns arbeiten 140 Festangestellte. Für viele unserer Angebote brauchen wir aber dringend ehrenamtliche Unterstützung“, erklärt Adrian Becker, der im Verein unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Im Jahr 2017 sind 157 Ehrenamtliche für den Verein aktiv. 202 Ehrenämter hat die Organisation identifiziert und gelistet.
 
„Wir stehen vor der Herausforderung, ehrenamtliche Hilfe als erstrebenswert und interessant darzustellen, um zusätzliche Ehrenamtliche langfristig zu gewinnen“, sagt Becker. In der Teilnahme an der HOLA Summer School als Challenge-Geber sieht er gute Möglichkeiten, Lösungsvorschläge zu erhalten. „Ich finde, HOLA ist ein interessantes Projekt, denn die Teams sind interdisziplinär und sie sind nicht so betriebsblind, wie man es als Teil der Organisation im Lauf der Zeit eben wird“, beschreibt er seine Motivation, als Challenge-Geber mitzumachen.

Uhr und Prototyp Zeitdruck gehört beim Design Thinkung dazu. (Bild: MFG / Bächtle)

Abschlusspräsentation im November

Am Ende der HOLA Summer School hat jedes Team einen Prototypen auf dem Tisch stehen. Das erste Feedback der Tester wird nicht das letzte gewesen sein, denn die Summer School ist nur der Auftakt eines Entwicklungsprozesses. Sie dient dazu, dass die Teams sich kennenlernen und mit den Challenges sowie der Methode Design Thinking vertraut werden. Nun folgt eine intensive, vier Monate lange Projektphase, in der die Prototypen Schritt für Schritt im Dialog mit den Challenge-Gebern weiterentwickelt werden. Am 21. November stellen die Teams ihre Lösungen zu den vier Challenges in einem Ergebnis-Pitch vor. Dann wird unter anderem klarer sein, wie im Supermarkt der Zukunft eingekauft wird.

Das Gewinnerteam präsentiert sein Projekt auf der OPEN! – Konferenz für digitale Innovation am 6. Dezember 2017. Wer neugierig geworden ist auf Design Thinking und die Methode kennenlernen will, kann am 21. September das Design-Thinking-Seminar der MFG Akademie in Stuttgart besuchen.

Autor: Christoph Bächtle
Mehr Infos:

HOLA
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MFG Seminar Design Thinking
OPEN! 2017