Kultur auf der Spur der digitalen Revolution

Stuttgart | 14.06.2017 | „Digitale Kultur” ist einer der Kompetenzschwerpunkte der MFG
Junge Leute drehen einen Film fürs Museum Film-Dreh fürs Museum (Bild: Stuttgart neu erzählt)

Broschen aus der Bronzezeit, Gemälde von Otto Dix, Bauernhäuser auf der Schwäbischen Alb, Konstruktionszeichnungen von Gottlieb Daimler, Manuskripte von Hegel, Modelle von Mies van der Rohe, Kostüme von Oskar Schlemmer, Choreographien von John Cranco – Kulturschätze begegnen uns in einer schier unfassbaren Vielfalt von Erscheinungsformen. Digitalisierte Sammlungen, Apps, Augmented Reality & Co bieten Museen, Bibliotheken und Archiven viele neue Chancen, diese Vielfalt zu erschließen und zugänglich zu machen.

Und sie eröffnen vollkommen neue Möglichkeiten der Teilhabe des Publikums. Diese Chancen und Möglichkeiten gilt es klug zu nutzen. Dabei geht es um nichts Geringeres, als um die Bewahrung unseres kulturellen Erbes. Kultureinrichtungen treten an, um bei verändertem Mediennutzungsverhalten mit ihren Zielgruppen im Gespräch und relevant zu bleiben.

Petra Newrly im Gespräch Petra Newrly leitet das MFG-Team für „Digitale Kultur“ (Bild: MFG)

Digitale Transformation ist eine Querschnittsaufgabe

In fast allen Häusern sind bereits neue Medienformate oder Kommunikationstools im Einsatz. Aber damit ist es nicht getan. Die digitale Transformation ist ein Querschnittsthema. „Es erfordert einen Kulturwandel, der sämtliche Aufgabengebiete durchdringt – vom Forschen, Sammeln, Vermitteln und Bewahren bis hin zu Kulturmanagement und Öffentlichkeitsarbeit“, weiß Petra Newrly, Leiterin des Teams „Digitale Kultur“ bei der MFG Innovationsagentur für Medien- und Kreativwirtschaft. Um Akteure der GLAM-Szene (Galleries, Libraries, Archives, Museums) in Baden-Württemberg zu einer ganzheitlichen digitalen Transformation zu ermutigen und sie dabei zu unterstützen, hat die MFG bereits 2014 die Kompetenzen für Digitale Kultur unter Newrlys Leitung gebündelt.

So führt die MFG etwa die Initiative Open Culture BW fort, die Wege aufzeigt, auf denen Kultureinrichtungen ihre Daten bzw. digitalisierten Artefakte offen zugänglich machen und neue Formate in der Wissensvermittlung schaffen können. Zu den bisherigen MFG-Angeboten hinzugekommen ist u.a. das Coaching-Programm Museen 2.0 zum Erarbeiten einer Roadmap für eine digitale Strategie und das Projekt Stuttgart neu erzählt, in dem digitales Storytelling den Dialog zwischen Museen und ihren Zielgruppen belebt.

Neben solchen Projekten, die Erfahrungswissen generieren, bietet die MFG Akteuren aus der Kulturszene in ihrem Akademie-Programm viele Gelegenheiten, frisches Know-how zur digitalen Transformation zu tanken. Ergänzend dazu stellt der Leitfaden „Wie sich Museen den neuen digitalen Herausforderungen stellen“ praxisorientiertes Wissen in hochkonzentrierter Form bereit.

Heike Kramer, MFG-Projektleiterin „Digitale Kultur” Heike Kramer, MFG-Projektleiterin „Digitale Kultur”, wirbt für digitale Chancen (Bild: MFG)

Ausgangspunkt ist immer der Nutzer

„Welche Ziele sich ein Haus auch immer steckt, Ausgangspunkt für die Entwicklung nachhaltig wirkender Maßnahmen muss immer der potenzielle Nutzer sein – eine Analyse seiner Bedürfnisse, seiner Aktionsräume und Communities sowie seines Medienverhaltens“, sagt Heike Kramer, MFG-Projektleiterin für digitale Kultur und Leiterin des Coaching-Projekts „Museen 2.0“.

Nutzer können dabei nicht nur Besucher oder Kulturinteressierte sein, sondern etwa auch Forscher oder Mitarbeiter. Je nach Diversität der Zielgruppen gilt es laut Kramer, verschiedenartige analoge und digitale Zugänge zu schaffen, für jede Adressatengruppe spezifische Möglichkeiten der Erzählung, Interaktion und Partizipation anzubieten und schließlich die einzelnen Aktionen klug miteinander zu verzahnen.

Yasi Schneidt, MFG-Projektleiterin „Open Culture” Yasi Schneidt, MFG-Projektleiterin „Open Culture” (Bild: MFG)

Medienkompetenz fördert Bereitschaft neue Wege zu gehen

Eine Start-Voraussetzung für die Entwicklung und Umsetzung einer erfolgreichen digitalen Strategie ist nach Einschätzung von Kramer, dass die Häuser eine offene Haltung, sowohl gegenüber dem Publikum und potenziellen externen Partnern als auch nach innen, dass sie Hierarchien abbauen und Räume zum Experimentieren schaffen.

Wie beflügelnd eine Öffnung gegenüber neuen Partnern und Akteuren sein kann, das wird im Rahmen des Wettbewerbs Code for Culture erlebbar. Hier entwerfen junge Gamer und Programmierer für 12 Kulturinstitutionen in Baden-Württemberg Anwendungen zur spielerischen Wissensvermittlung. 

„Den Boden für die Offenheit gegenüber digitalen Chancen und Kooperationspartnern bereitet man am besten, indem man abteilungsübergreifend Kompetenz zu neuen Medien aufbaut“, weiß Kramer aus Erfahrung.

Weiterbildung eröffnet auch dort zusätzliche Handlungsoptionen, wo Häuser aufgrund begrenzter finanzieller Ressourcen kein zusätzliches Fachpersonal für die Entwicklung und fortlaufende Pflege digitaler Lösungen einstellen oder beauftragen können. Kramer ist überzeugt: Wenn es gelingt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die digitale Transformation zu begeistern, gibt es auch bei knappen Budgets immer einen Weg, Lösungen zu realisieren.

Stuttgart neu erzählt

„Digitale Angebote sollen und können physische Exponate oder räumliche Erlebnisse nicht ersetzen“, betont Petra Newrly, „aber sie können ergänzende Zugänge und Verknüpfungen schaffen, den Dialog mit dem Publikum durch neue Formen der Teilhabe und Interaktion intensivieren.“

So zeigt etwa das Projekt Stuttgart neu erzählt in Kooperation mit dem Stadtmuseum Stuttgart, wie Museen neue Medien nutzen können, um das Publikum aktiv in die Gestaltung von Ausstellungsinhalten einzubeziehen.

„Jede Stuttgarterin, jeder Stuttgarter hat einen anderen Blick auf die Stadt. Dadurch dass die Bürger ihre Geschichten selbst erzählen, und zwar möglichst ungeschliffen, spiegeln wir diese Perspektivenvielfalt unmittelbar wider“, sagt Vesna Babic, Kommunikationschefin des Stadtmuseums Stuttgart.

Beim Medienformat haben die Mitwirkenden alle Freiheiten. „Ob kommentierte Erinnerungsfotos, Aufnahmen von besonderen Fundstücken, ein Audio-Podcast oder crossmediale Beiträge, die Text, Bild und Ton verknüpfen –  wichtig ist, dass die Stories authentisch und lebendig sind“, findet Vesna Babic. In kurzen Video-Tutorials erklärt sie, wie jeder seine Story erstellen, auf die Plattform bringen und somit Teil der lebendigen Stuttgart-Geschichte werden kann:

Auf dem Portal „Stuttgart neu erzählt“ sind die ersten Geschichten schon online. Und wer seine Story noch in den nächsten Wochen einreicht, der kann es damit sogar bis in die Dauerausstellung schaffen, die ab April 2018 im neu eröffneten Stadtmuseum Stuttgart im Wilhelmspalais zu sehen sein wird.

Autorin: Silva Schleider
Mehr Infos:

Open Culture BW
Museen 2.0
Stuttgart neu erzählt
Leitfaden „Wie sich Museen den neuen digitalen Herausforderungen stellen“
Open Up! Museum

Aus der Reihe „Digitale Kultur“:

Teil 1: Kultur auf der Spur der digitalen Revolution
Teil 2: Der Stoff, aus dem die Spiele sind
Teil 3: Echter Dialog und jede Menge Empathie
Teil 4: VR erweckt Dinos und moderne Kunst zum Leben
Teil 5: Blogger: Eine neue Spezies von Kultur-Korrespondenten

Wichtige Termine und Seminare rund um die „Digitale Kultur“

 >> Terminübersicht Digitale Kultur zum Download

MFG    
 20. Oktober Besser kommunizieren in den sozialen Medien MFG Akademie-Seminar,
Freiburg
 15. November Storytelling in der digitalen Kommunikation MFG Akademie-Seminar,
Karlsruhe
 15. November Roadmapping: Digitale Strategien in Museen Literaturhaus, Stuttgart
 6. Dezember OPEN! 2017
Konferenz für digitale Innovation
Geno-Haus, Stuttgart