Museen in der digitalen Transformation

Stuttgart | 24.11.2017 | Baden-württembergische Museen haben Fahrpläne für ihre individuelle digitale Strategie erarbeitet
Roadmap Digitale Strategie Museen erarbeiten Fahrpläne für ihre individuelle digitale Strategie (Foto: textbar)

Am 15. November 2017 ist das Literaturhaus in Stuttgart bis auf den letzten Platz ausgebucht. Vertreter von Museen, Kultur- und Kreativwirtschaft aus dem ganzen Land sind gekommen, um sich beim Abschlussevent der ersten Runde des Coaching-Programms „Museen 2.0“ über digitale Strategien auszutauschen. Aufmerksam lässt sich das Fachpublikum ein auf die gehaltvolle Mixtur aus Experten-Know-how und Erfahrungswissen, aus Projekt-Einblicken und Workshops zu Kreativtechniken. Tweets und Posts zu praktischen Tipps und Methoden zischen durchs Netz (#museen2punkt0).

Museen 2.0 trifft den Nerv der Zeit

Offenbar hat das von der MFG Innovationsagentur für Medien- und Kreativwirtschaft organisierte und vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg geförderte Coaching-Programm den Nerv der Zeit getroffen. Zwar werden digitale Medien längst in allen Museen eingesetzt. Doch fehlt es oft noch an einer disziplinen- und abteilungsübergreifenden Strategie.

„Museen werden nur dann im 21. Jahrhundert ihre gesellschaftliche Relevanz behalten, wenn sie den digitalen Wandel konsequent, langfristig und in all ihren Arbeits- und Aufgabenbereichen vollziehen – vom Forschen, Sammeln, Vermitteln und Bewahren bis hin zu Kulturmanagement und Öffentlichkeitsarbeit“, unterstrich Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, in ihrem Grußwort. Dabei geht es laut Olschowski nicht darum, alles ins Netz zu verlagern. „Am Ende bleibt als Ziel die Begegnung mit dem künstlerischen Original im Museum“, so die Staatssekretärin.

Individuelle Strategien und die ersten drei Pilotprojekte

Petra Olschowski ist überzeugt: „Die digitale Strategie für ein Museum kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie aus der Gesamtstrategie des Hauses entwickelt wird. Und umgekehrt muss dabei jedes Museum seine eigene, ganz individuelle Handschrift finden“.

In der ersten Runde von „Museen 2.0“ haben das Landesmuseum Württemberg, das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart und das Deutsche Uhrenmuseum Furtwangen Fahrpläne für die Entwicklung ihrer digitalen Strategie erarbeitet. In der gerade angelaufenen zweiten Runde folgen die Staatsgalerie Stuttgart, das Badische Landesmuseum Karlsruhe und die Städtischen Museen Freiburg.

So unterschiedlich wie die Häuser selbst sind die Pilotprojekte. So hat etwa das Naturkundemuseum unter dem Motto „Museum macht Evolution“ verschiedene analoge und digitale Formate entwickelt, um Mitarbeitende und Besucher an der Gestaltung einer Dauerausstellung zu beteiligen. Das Landesmuseum Württemberg hat sich auf die Weiterentwicklung der digitalen Strategie konzentriert, auf der jetzt mehrere Projekte aufbauen, u.a. eine virtuelle Zeitreise ins Mittelalter. Das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen hat als zentrales Kommunikationstool und Kernelement der digitalen Strategie einen Blog aufgesetzt.

Plenum beim Abschlussevent Das Publikum erhält unverblümte Einblicke in die Arbeitsprozesse (Foto: MFG)

Organisation im digitalen Wandel

Spannend fürs Fachpublikum waren die unverblümten Einblicke in die Arbeitsprozesse. Dabei wurde deutlich: Die digitale Transformation muss mit einer Transformation der Organisationsformen einhergehen. Um die digitale Museumspraxis über die Abteilungen hinweg als Querschnittausaufgabe zu verankern, hat etwa das Landesmuseum Württemberg dauerhaft eine eigene Stabsstelle eingerichtet.

Wertvolle Impulse für die Strategie- und Organisationentwicklung kamen von Sabine Jank, Kreativdirektorin und Mitbegründerin der transdisziplinären Plattform szenum Berlin. Bei der Entwicklung einer digitalen Strategie müssen sich die Verantwortlichen in den Museen laut Jank drei Fragen stellen: „Wie wird unsere Organisation nutzerzentriert und agil, wie schaffen wir eine eigene digitale Identität in einem Netzwerk, das allen Beteiligten einen Mehrwert bietet, und wie können wir die digitale Kompetenz unserer Mitarbeitenden und Dialoggruppen fördern und Ihnen die dafür notwendigen Freiräume innerhalb unserer Organisation ermöglichen?“

Agile Strukturen und Fehlerkultur

Agile Organisationen zeichnen sich laut Jank aus durch flache Hierarchien, durch Freiräume für Kreativität und Experimente, durch die Schaffung einer Fehlerkultur, durch Prototyping, iterative Produkt- und Formatentwicklung und durch frühzeitiges, regelmäßiges Feedback. „Diese Kernelemente des agilen Managements gilt es zukünftig als Führungskraft in Museen zu implementieren“, so die Expertin für Creative Leadership und Digitale Transformation.

Fehlerkultur kann auch heißen, gescheiterte digitale Angebote zu stoppen. Gleich zwei Praxisbeispiele dafür lieferte das Deutsche Uhrenmuseum. Beherzt haben die Furtwanger ihren wenig effektiven Facebook-Account gelöscht und den gerade erst gestarteten Blog nach vier Wochen noch einmal ganz neu aufgesetzt und inhaltlich neu ausgerichtet – mit Erfolg. 

Workshop von Sabine Jank Im Workshop von Sabine Jank werden Organisationen der Zukunft modelliert (Foto: MFG)

Business-Origami, Persona-Methode und andere Kreativtechniken

Kreativmethoden, mit denen man den organisatorischen Anpassungsbedarf spielerisch analysieren und neue Organisationsformen modellieren kann, stellte Sabine Jank in ihrem Workshop am Nachmittag vor. Hier konnten die Arbeitsgruppen etwa mit der von Hitachi erdachten Methode „Business Origami“ ihre Organisation der Zukunft kreieren.

In zwei weiteren Workshops mit den Digitalisierungs-Experten Dr. Johannes Fuhr und Daniel Brown erarbeiteten die Tagungsteilnehmer, welche Faktoren Veränderungsprozesse in Kulturinstitutionen treiben und erprobten Methoden zur datenbasierte Analyse von Nutzergruppen.

„Wir möchten, dass die Museen im Umfeld der rasanten digitalen Entwicklung selbständig gestaltend agieren können“, erklärte Petra Newrly, Leiterin des Teams Digitale Kultur bei der MFG. „Deswegen ist das Vermitteln und Erproben von Methoden wie ‚Business Origami‘, ‚Personas‘ oder ‚Visitor Journey‘ integraler Bestandteil unseres Coaching-Programms“, ergänzte Heike Kramer, Projektleiterin Digitale Kultur. Nützliche Hinweise dazu enthält auch der von der MFG erstellte Leitfaden „OPEN UP! Museum“.

Vorstellung der Persona-Methode Mitarbeitende des Naturkundemuseums demonstrieren die Effektivität der Persona-Methode (Foto: MFG)

Projekte umsetzen und für die Zukunft lernen

Einige der erlernten Methoden haben die Museen im Strategie-Entwicklungsprozess direkt angewendet. So hat etwa das Naturkundemuseum die Persona-Methode genutzt, um durch das Erschaffen fiktiver Repräsentanten ausgewählte Zielgruppen anschaulich zu beschreiben. Laut Ulrich Schmid, stellvertretender Direktor und Abteilungsleiter Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, hat das prima funktioniert.

In den Pilotprojekten haben die Teilnehmer der ersten Runde viele weitere Erfahrungen gesammelt, die sie bei der Entwicklung ihrer digitalen Strategie voranbringen. Die Museen der zweiten Runde können nun von diesen Erfahrungen profitieren.

Klar wurde in der Rundumschau aber auch: Die digitale Transformation von Kulturinstitutionen ist eine Mammutaufgabe. Eine gute Infrastruktur, Freiräume für die Qualifizierung und ausreichende Personalkapazitäten sind unverzichtbar. Dr. Johannes Fuhr gab daher folgenden Tipp: Beginnen Sie mit vier bis fünf Maßnahmen, die mit den gegebenen Ressourcen rasch umsetzbar sind, um im Museum und auch im Umfeld Begeisterung zu entfachen!“

Die Präsentationen und Ergebnisse der Abschlussveranstaltung werden auf der MFG-Website veröffentlicht und über #museen2punkt0 kommuniziert.

Autorin: Silva Schleider
Mehr Infos:

Coaching-Programm „Museen 2.0“
Open Up! Museum
Leitfaden Open Up! Museum – „Wie sich Museen den neuen digitalen Herausforderungen stellen“
Blogbeitrag Agiles Projektmanagement für Museen  
digital@bw – Ihr Begleiter zur Digitalisierung Baden-Württemberg 

Aus der Reihe „Digitale Kultur“:

Teil 1: Kultur auf der Spur der digitalen Revolution
Teil 2: Der Stoff aus dem die Spiele sind
Teil 3: Echter Dialog und jede Menge Empathie
Teil 4: VR erweckt Dinos und moderne Kunst zum Leben
Teil 5: Blogger: Eine neue Spezies von Kultur-Korrespondenten

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