Soziale Medien beleben den Dialog zwischen Künstlern, Kultureinrichtungen und ihrem Publikum

02.10.2012 | Social Media, Kultur, Kommunikation
Urlaubsbild eines Followers: Das Vorschaubuch des Theaters Heibronn auf einerm Boot. Viele Follower haben das Vorschaubuch im Urlaub fotografiert. (Bild: Theater Heilbronn)

Für Theater, Museen, Konzerthäuser und Clubs eröffnen Social Networks viele neue Möglichkeiten, ihre Fangemeinde zu mobilisieren und mit ihrem Publikum ganz direkt in Dialog zu treten. Diese Chance wissen kleine und große Kultureinrichtungen in Baden-Württemberg zu nutzen. Gerade jetzt nach der Sommerpause läuft in vielen Häusern die Social-Media-Kommunikation wieder auf Hochtouren.

Zum Beginn der neuen Spielzeit feiert das Theater Heilbronn drei Premieren. Da haben Katrin Schröder und ihre Kollegin alle Hände voll zu tun. Nach der Sommerspielpause sorgen sie auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen des Hauses wieder für mehr Leben. Auf der Facebook-Seite prangt die Einladung zum ersten Theaterfrühstück der Saison, und ein Post führt zur digitalen Ausgabe des neuen Theatermagazins auf Issuu. Im Blog kann das Publikum einen Artikel über die Uraufführung von „Dänische Delikatessen“ lesen und die Fotos vom „Vorschaubuch auf Reisen“ betrachten. Vor den Ferien hatte das Theater per Twitter aufgerufen, das Programm zur neuen Spielzeit mit in den Urlaub zu nehmen und dort zu fotografieren.

Flaschmob: Menschen liegen auf der Straße, nachdem sie sich mit Bananen "abgeschossen" haben. Ein Flashmob brachte allerhand Aufmerksamkeit für die Theaterwerkstatt. (Bild: Theater Heilbronn)

„Die Zahl der Einsendungen war enorm“, freut sich Schröder, „wir haben viele tolle Bilder bekommen, zum Beispiel von den Malediven, aus Peking oder auch von Balkonien.“ Letzten Herbst hatte das Theater mit einem Flashmob von sich reden gemacht. Anlass war die Eröffnung der Theaterwerkstatt mit ihrem Workshopangebot. Weit über 50 Jugendliche waren dem Facebook-Aufruf gefolgt. „Aufs Stichwort haben sie sich zum Schein gegenseitig mit einer Banane niedergestreckt und anschließend gemeinsam die Theaterwerkstatt gestürmt“, erzählt Schröder. Mitten in der Stadt habe das für einige Aufregung gesorgt.

Grafik: Das Ranking stuft Institutionen nach Follower- und Fanzahlen ein. Das Ranking stuft Institutionen nach Follower- und Fanzahlen ein. (Grafik: Pluragraph/textbar)

Social-Media-Player in der Kulturszene Baden-Württembergs

Unter den Bühnen in Baden-Württemberg gehört das Theater Heilbronn zu den Social-Media-Vorreitern. Im Kultur-Ranking von Pluragraph belegen die Heilbronner aktuell Platz 16. Die Aussagekraft dieses Rankings ist zwar beschränkt, weil die Einstufung allein nach quantitativen Kriterien wie Follower- und Fanzahlen erfolgt und nicht nach der Qualität der Interaktion. Doch gibt es einen guten ersten Überblick. Spitzenreiter unter den Museen ist mit großem Vorsprung das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart gefolgt vom ZKM in Karlsruhe, dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein und dem Alamannenmuseum Ellwangen.

Die ersten drei Plätze unter den Bühnen belegen das Stuttgarter Ballett, das Nationaltheater Mannheim und das Theaterhaus Stuttgart. Der überwiegende Teil der Kultureinrichtungen konzentriert sich auf ein bis zwei Social-Media-Kanäle, häufig auf Facebook und Twitter. Es gibt aber auch ausgesprochene Multi-Channeler wie das Theater Heilbronn.

Grafik: Top 10 der Kultureinrichtungen in Baden-Württemberg nach Social-Media-Aktivitäten. Einstufung rein nach quantitativen Kriterien wie Follower- und Fan-Zahlen. (Bild: Pluragraph/textbar

Im Ranking liegen vor allem größere Häuser vorn. Indessen können Social Media auch kleinen Einrichtungen, Initiativen und Clubs helfen, ihre Fangemeinde zu mobilisieren oder den Dialog mit Publikum und Unterstützern zu intensivieren. So sucht etwa das Stadttheater Ravensburg gerade via Facebook noch ein paar Requisiten für die nächste Produktion. Und das Roxy in Ulm lädt mittlerweile zu fast allen Veranstaltungen per Facebook ein. „Wir prüfen gerade, ob wir auf diesem Weg auch Eintrittskarten verkaufen können, als Service und um den Traffic weiter anzuregen. Ob das funktioniert, hängt vom Ticketsystem ab, das wir nutzen“, erklärt Johanna Homburger, die im Roxy für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Fotos von Künstler in Aktion und bewegtes Publikum in der Fotogalerie der Popakademie. Künstler in Aktion und bewegtes Publikum in der Fotogalerie der Popakademie. (Bild: Popakademie)

Freizeitthema Kultur und greifbare Zielgruppen im Social Web

„Kultur ist ein Freizeitthema und viele Leute sind zum Beispiel auf Facebook privat unterwegs. Künstler und Kultureinrichtungen können sie dort ansprechen, ohne dass es als lästige Werbung empfunden wird,“ sagt Max Micus, Public-Relations-Manager der Popakademie. Die Follower seien eine greifbare Zielgruppe, die sich bewusst dafür entschieden habe, informiert zu werden.

Preisverleihung der „Goldenen Zwiebel 2010“. Preisverleihung der „Goldenen Zwiebel 2010“. (Bild: Kommunales Kino Esslingen)

Im vergangenen Frühjahr hat auch das Kommunale Kino Esslingen Facebook für sich entdeckt. „Unser Programmheft ist sehr hochwertig, aber spricht eher Leute über 35 an“, sagt Sibylle Tejkl, die dort für Film- und Begleitprogramme wie auch für die Kommunikation zuständig ist. „Unser Publikum ist mit uns älter geworden. Über Facebook wollen wir jüngere Leute erreichen“, sagt die Kino-Managerin. Um sich rasch einzuarbeiten belegte sie im Mai das Blended-Learning-Seminar „Gut aussehen bei Facebook & Co“ an der MFG-Akademie. „Das war sehr praktisch ausgelegt. Die Teilnehmer haben gleich während des Seminars ein Blog einrichtet, es inhaltlich befeuert und dazu eine Facebook- und Twitter-Präsenz aufgebaut“, berichtet Tejkl.

Das Bloggen und Twittern hat sie aus Zeitgründen zwar wieder eingestellt, aber auf Facebook ist sie weiterhin aktiv. Bei der Wahl die Gewinner des hauseigenen Filmpreises „Goldene Zwiebel“ im Frühjahr 2013 soll das Publikum per Facebook mit abstimmen. „Man muss immer wieder Ideen haben, um die Leute zu mobilisieren. Es wird auf Dauer langweilig, wenn man nur Freikarten oder DVDs verlost“, sagt Tejkl.

Blog der Opernfestspiele Heidenheim Blog der Opernfestspiele Heidenheim führt die Social-Media-Kanäle zusammen. (Bild: opernwerkstatt)

Mit Social-Media einfach näher dran

„Wichtig ist, nicht nur fachbezogene Nachrichten zu posten, sondern auch mal etwas Unterhaltsames“, sagt Max Micus, PR-Manager der Popakademie. „Die Leute wollen das Gefühl haben: Ich kann am Künstlerleben teilhaben, bin näher dran, wenn ich diese Seite like“, so Micus.

Auch die renommierten Heidenheimer Opernfestspiele nutzen die verschiedenen Web 2.0-Tools rund um ihren Blog Opernwerkstatt insbesondere, um Einblicke hinter die Kulissen zu gewähren. „Während der Probenzeit haben wir wunderbare Interviews mit Solisten führen können, die auf Youtube zu sehen sind. Aber wir stellen auch Akteure vor, die nicht auf der Bühne stehen – vom Beleuchter bis zur Garderobiere“ sagt Blog-Initiator Christian de Vries. Um die Nachrichtenflaute außerhalb der Festspielzeit zu überbrücken, haben die Heidenheimer die Serie „Helden am Herd“ in ihren Newsfluss aufgenommen, bei der Marcus Bosch, musikalischer Leiter der Festspiele, Ensemblemitglieder zum Kochen und Talken einlädt.

Facebook-Seite von Roxy in Ulm Das Roxy in Ulm hat mit rund 3.000 Likes eine stattliche Fangemeinde. (Bild: Roxy)

Unabhängig davon, für welche Social-Networks man sich entscheidet, de Vries empfiehlt, einen Blog als zentrale Ausgangsbasis. „Auf allen anderen Plattformen haben Sie nur einen geliehenen Account und kein Hausrecht. Zudem können Sie viele Kanäle dort hineinspielen lassen“ sagt de Vries.

Auf diese Strategie setzt auch das Theater Heilbronn. „Das heißt aber nicht, dass wir überall die gleichen Botschaften verbreiten“, betont Katrin Schröder. „Wir achten sehr darauf, dass wir auf jedem Kanal auch einen speziellen Mehrwert bieten“, so Schröder.

Trotz des hohen Zeiteinsatzes ist ihr die Lust am Experimentieren mit neuen Formaten noch lange nicht vergangen. „Wir haben bisher nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt Schröder. In der neuen Spielzeit würde sie z.B. gerne mal zu einem Tweetup einladen, bei dem Twitterer während einer Probe oder einer Theaterführung zusammenfinden. Schröder findet: „Das wäre prima, um ein paar unserer Follower persönlich kennenzulernen.“

Autor: Silva Schleider
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